Rezension – Uli Reiter (2016), Illegalität


Uli Reiter (Juni 2016), „Illegalität. Phänomen und Funktion“, Wiesbaden: Springer VS.  Umfang: 505 S. – Softcover: 59,99 € – E-Book: 46,99 €- ISBN: 978-3-658-13495-2

 Zum Autor
Uli Reiter ist ein Multitalent, das seit vielen Jahren beständig zwischen Web- und Printdesign sowie künstlerischen und wissenschaftlichen Projekten oszilliert. In systemtheoretischen Kreisen wurde er durch sein 2009 erschienenes Buch „Lärmende Geschenke“ bekannt. Dieser Text untersucht das Phänomen der Korruption sozioevolutionär mit den konzeptuell-theoretischen Mitteln der soziologischen Systemtheorie der Bielefelder Schule (Niklas Luhmann et al.).

Warum sollte man dieses Buch lesen?
Wenn man mich vor der Lektüre dieses Buches gefragt hätte, was ich zum Phänomen der Illegalität sagen kann, so hätte ich wohl (wie viele andere) nur geantwortet: „Es geht um Ungesetzliches, bspw. illegale Downloads, Schwarzarbeit oder sonstige kriminelle Aktivitäten.“
Nachdem ich Uli Reiters Buch durchgearbeitet habe, muß ich gestehen, daß ich immer noch erstaunt bin, was sich mit Hilfe der soziologischen Systemtheorie alles zu diesem ubiquitären Phänomen sagen läßt.
Konkreter: Es geht um eine Infragestellung des scheinbar Selbstverständlichen, indem die systemtheoretischen Theoriekomponenten (d.h. funktionale Analyse sowie Sozioevolutions-, Differenzierungs-, Kommunikations- und Medientheorien) dazu benutzt werden, um die überaus komplexen Beobachtungsbedingungen von Illegalität offen zu legen.

Hauptthese des Buches
Die funktional ausdifferenzierte Moderne und die damit einhergehende Entstehung der Funktionssysteme Recht und Politik schaffen die Bedingungen dafür, daß Legalität und Illegalität als Medien zweiter Ordnung (d.h. als Medien, die sich auf die Formen anderer Medien beziehen, siehe unten den Punkt „Was ist theoriebautechnisch neu?“) emergieren können.
Legalität und Illegalität nehmen dabei sowohl auf die Ordnungsleistungen als auch die strukturellen Kopplungsmechanismen (gerade, aber nicht nur) von Recht und Politik Bezug, ohne jedoch auf Nationalstaaten begrenzt zu sein. Vielmehr haben wir es national und transnational mit vielen Formen der Legalität und damit auch der Illegalität zu tun.
Hierbei ist von besonderem Interesse, daß Illegales dazu dienen kann, permanent auftretende soziale Unvereinbarkeiten inner- und außerorganisatorisch zu bearbeiten. Illegale Resultate können dann ggf. in die formalen Strukturen von Organisationen wieder eingespielt werden!

Inhaltlicher Aufbau
Der Text startet mit der Präparierung begrifflicher Beobachtungssonden (Inklusion / Exklusion, Gewalt, Irritation / strukturelle Kopplung, etc.). Er thematisiert dann die Verdopplung der Realität in eine verbotene und eine nicht-verbotene Fassung. Im Anschluß daran hangelt er sich an der Sozioevolution der verbotenen Realitätsmodi entlang: von Geheimnis, Tabu und Frevel über Verfluchung, Hexerei und Sünde bis hin zu Verbrechen / Kriminalität.
Nachdem diese Vorarbeiten erfolgt sind, wird Illegalität in ihrem ganzen Facettenreichtum präsentiert:  Hierbei werden zunächst die sozioevolutionären Vorläuferformen (Delation, Inquisition, etc.) bis hin zu den staatlichen Illegalitätsvarianten des 20. Jahrhunderts (real existierender Sozialismus und Nationalsozialismus) behandelt. Letzteres schließt erste Beschreibungsversuche von Illegalität im 20. Jahrhundert bei Carl Schmitt und Georg Lukács mit ein.
Danach wird die These von Illegalität als eines Mediums zweiter Ordnung (eines sogenannten „Modalmediums“, siehe unten den Punkt „Was ist theoriebautechnisch neu?“) durchgespielt. Das heißt: Wie sind solche Medien allgemein und illegalitätsspezifisch zu konzipieren (Bezugsprobleme, Formen und Funktion)?
Der Text endet u.a. mit der  Thematisierung von Phänomenen wie Schnelligkeit, Hybridisierung, Regimebildung und sozialen Double-Bind-Strukturen, die in bestimmten Kontexten als funktionale Äquivalente von Illegalität fungieren können.

Zielgruppen
Der Text ist zunächst für alle Fans der Bielefelder Systemtheorie von höchstem Interesse. Denn hier wird nicht nur die neue Theoriekomponente der Modalmedien eingeführt und exemplifiziert, sondern es wird auch Illegalität mit Organisations- und Netzwerkphänomenen kurzgeschlossen!
Zudem könnte das Buch für Studierende bzw. Absolvent(inn)en rechts-, sozial-, kultur- und medienwissenschaftlicher Disziplinen spannend sein. Darüber hinaus könnte es allen unkonventionellen Beobachtern unserer Gesellschaft zusagen – zumindest dann, wenn sie bereit sind, sich ggf. in das Werk von Niklas Luhmann ein wenig einzuarbeiten.

Vorkenntnisse
Die sozioevolutionären Passagen des Textes lassen sich m.E. auch ohne profundere Kenntnisse der Bielefelder Systemtheorie lesen. Aber sobald es um den Status von Illegalität in all ihren Facetten geht, dürften tiefergehende Kenntnisse in Sachen soziologischer Systemtheorie erforderlich sein.

Was ist theoriebautechnisch neu?
Neu ist die bislang nicht konsolidierte Theoriekomponente der Modalmedien, die in Analogie zu Konflikten (als sich in die Kommunikation einklinkenden parasitären Systemen) als Medienparasiten fungieren: In beiden Fällen geht es darum, die bedrohte Autopoiesis der Kommunikation fortsetzen zu können, wobei Medien(formen) selbst nicht operationsfähig sind.
Oder in anderer Formulierung: Modalmedien reichern die Formen bestehender Kommunikationsmedien (Sprache, Verbreitungsmedien, etc.) mit Zusatzbedeutungen (kriminell, illegal, pathologisch, individuell, genial, ästhetisch, etc.) an, so daß sie als Medien 2. Ordnung fungieren. Sie bringen also ein  zusätzliches, stets beobachterrelatives (!) Formgebungspotential
 
immer dann ins Spiel, wenn die Bezugsprobleme anderer Kommunikationsmedien bzw. der Sozialsysteme problematisch werden.

Problemzone Modalmedien
Die Konzeption der Modalmedien rekurriert letztlich auf die Unterscheidung von eigentlichen / uneigentlichen bzw. literalen / figurativen, ironischen, etc. Bedeutungen. Das heißt: Das Literale ist die Norm, die uneigentlichen Bedeutungen (Metaphern, Metonymien, Gleichnisse, Ironie, etc.) repräsentieren die Abweichungen.
Diese Unterscheidung ist freilich nicht nur in der philosophisch-rhetorischen Tradition verankert (und dekonstruierbar), sondern das Bedeutungsswitching kann auch in der Kommunikation (des Alltags) ansatzlos erfolgen, ohne größere Irritationen auszulösen. Das Problem zumindest der rhetorischen, ironisch-sarkastischen, etc. Modalmedien wäre demnach, daß sie kein spezifisches Bezugsproblem aufweisen.
Man mag solche Modalmedien im Unterschied zu Kriminalität / Illegalität als evolutionäre Vorläufermedien (preadaptive advances) abtun. Aber es könnte auch sein, daß Modalmedien prinzipiell anders eingeführt werden müssen.
Insofern hier ein erheblicher Diskussionsbedarf besteht, soll es 2017 hier einige (Gast-)Posts zu diesem Thema, u.a. von Uli Reiter selbst, geben.

Fazit
Das Buch liest sich nicht immer ganz leicht und ist auch an manchen Stellen etwas zäh, aber der Erkenntnisgewinn ist enorm. Kurzum: Für die oben genannte Zielgruppe ein Must-Read!

Webseiten
Website des Buches: http://www.illegalitaet.com/
Amazon-Website des Buches: https://www.amazon.de/dp/365813495X

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