Rezension – Uli Reiter (2016), “Form und Funktion des Krankhaften: Pathologie als Modalmedium”


(1) Zum Autor
Uli Reiter ist ein Multitalent, das seit vielen Jahren beständig zwischen Web- und Printdesign sowie künstlerischen und wissenschaftlichen Projekten oszilliert. In systemtheoretischen Kreisen wurde er bekannt durch sein 2009 erschienenes Buch Lärmende Geschenke, das das Phänomen der Korruption sozioevolutionär mit den konzeptuell-theoretischen Mitteln der soziologischen Systemtheorie der Bielefelder Schule (Niklas Luhmann et al.) untersucht [1].
Wer mehr zu der Person des Autors und den vielfältigen Projekten erfahren möchte, der sei auf [2,3] verwiesen.

(2)  Warum sollte man dieses Buch lesen?
Wer sich die alltäglich-interaktionellen, massenmedialen, politischen, etc. Kommunikationen genauer anschaut, der wird feststellen, daß es an Krankheitsmetaphern (Metastasen, Virusinfektionen, Parasiten, Seuchen / Epidemien, psychischen Erkrankungen, etc.), die auf Soziales angewandt werden, keinen Mangel gibt.
In einer Common-Sense-Perspektive wird das wenig Erstaunen auslösen. Denn man kann die Metaphern, die von den Systemreferenzen Körper und Psyche auf die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme (Wirtschaft, Politik, etc.), Organisationen und Familien projiziert werden, einfach als drastische Konkretisierungen abtun.
Wenn man freilich eine kontraintuitive Sichtweise einnimmt, wie sie die Bielefelder Systemtheorie pflegt, dann verflüchtigt sich dieser banale Eindruck. Nun kann man mit Uli Reiter fragen, ob Pathologien des Sozialen nicht auch als eine Problemlösung für ein zu konstruierendes Problem angesehen werden können.
Dieser kontraintuitive Ausgangspunkt führt zu drei Themenbereichen, die in dieser sozioevolutionär orientierten Studie sozialer Pathologien behandelt werden:

  • Begrifflichem: Der Text startet mit einer kurzen Etymologie des Ausdrucks Pathologie. Er behandelt danach die Unterscheidungen Irritation / Information und Normalität / Abweichung, die für den Theorieteil relevant sind. Und er schließt mit den historischen Bedeutungen des Krankheitsbegriffs bzw. einigen Preadaptive Advances der Pathologisierung von sozialen Systemen.
  • Theoretischem: In den Theorieabschnitten geht es primär darum, eine neue Art von Medium, nämlich: Modalmedien, vorzustellen und zu plausibilisieren [siehe unten Abschnitt (4)]. Metaphorik wird dann als ein allgemeines Modalmedium präsentiert, woran die Pathologisierung des Sozialen mit ihren Formen und in ihrer Funktion als spezielles Modalmedium anzuschließen vermag.
  • Anwendungsbeispielen: Die Arbeit endet mit diversen Beispielen aus dem Bereich der Massenmedien (der Pathologisierung der öffentlichen Meinung, Inflations- und Deflationstendenzen, viralem Marketing, etc.).

Interessant ist dieses Buch damit für alle Fans der soziologischen Systemtheorie Bielefelder Provenienz, weil hier sowohl ein neuer Medientyp experimentell eingeführt wird als auch das Warum, Wie und Wozu von als krank(haft) markierten Abweichungen erläutert werden.
Darüber hinaus ist dieser Text auch für all diejenigen von Interesse, die in Veränderungsprojekten (Coaching, Consulting, Change-Management, etc.) involviert sind. Denn, wie Uli Reiter aufzeigt, dienen die (metaphorischen) Formen sozialer Pathologisierung auch dazu, die in der Moderne unwahrscheinlich gewordene Annahme von Kommunikationsangeboten zu bearbeiten. Hierzu wird ein Veränderungsdruck erzeugt, bei dem die Krankheitsmetaphern der rhetorischen Persuasion zuarbeiten, so daß organisatorische, u.a. Interventionsvorhaben daran andocken können.
Diese Erkenntnis ist nicht völlig neu. Aber es ist höchst interessant, die damit einhergehenden Paradoxa veranschaulicht zu bekommen!

(3) Vorkenntnisse
Man darf diesen Text als eine soziologisch-systemtheoretische Fachpublikation einstufen. Das heißt, gute Kenntnisse der Bielefelder Systemtheorie sind für die Lektüre angeraten. Uli Reiter schiebt zwar einige Erläuterungen zu den diversen Medientypen, der dreistelligen Kommunikationssynthese, etc. teilweise nach. Aber diese kommen für nicht-systemtheoretisch versierte Leserinnen und Leser wohl zu spät. Das bedeutet im Umkehrschluß: Auf diese Redundanzen hätte, mangels Zweckdienlichkeit, auch verzichtet werden können.

(4) Was ist theoriebautechnisch neu?
Neu ist die bislang nicht konsolidierte Theoriekomponente der Modalmedien, die in Analogie zu Konflikten (als sich in die Kommunikation einklinkenden parasitären Systemen) als Medienparasiten fungieren: In beiden Fällen geht es darum, die bedrohte Autopoiesis der Kommunikation fortsetzen zu können, wobei Medien(formen) selbst nicht operationsfähig sind.
Oder in weniger kryptisch-verkürzter Formulierung: Modalmedien reichern die Formen bestehender Kommunikationsmedien (Sprache, Verbreitungsmedien, etc.) mit Zusatzbedeutungen (pathologisch, individuell, genial, ästhetisch, kriminell, illegal, etc.) an, so daß sie als Medien 2. Ordnung fungieren. Sie bringen also ein zusätzliches, stets beobachterrelatives (!) Formgebungspotential immer dann ins Spiel, wenn die Bezugsprobleme anderer Kommunikationsmedien (Verstehen, die Erreichbarkeit von Adressaten und der Erfolg der kommunikativen Überzeugung) bzw. die Bezugsprobleme von Sozialsystemen selbst problematisch werden.
Sprach-, Macht-, Wahrheits-, etc. Formen können in diesen Fällen auch als pathologisch / nicht-pathologisch, kriminell / nicht-kriminell, etc. ausgezeichnet werden, so daß die Fortführung der kommunikativen Autopoiesis garantiert bleibt.
Diese Idee wird auf Metaphorik (Unterscheidung: sinnwidrig / sinngemäß) als allgemeines Modalmedium angewandt, an das Pathologie und ihre vielfältigen Krankheitsmetaphern als spezifischeres Modalmedium anschließen können.
Das Bezugsproblem für die Entstehung des neuen Modalmediums Pathologie besteht dabei im Problematisch-Werden der Unterscheidung Normalität / Abweichung durch die Explosion von Abweichung(sverstärkung)en beim Übergang von der stratifizierten zur funktional ausdifferenzierten Gesellschaft.
Mit anderen Worten: Während in der Vormoderne Abweichungen durch peer pressure in Interaktionskontexten sowie durch Hierarchien und Religion eingehegt waren, wurden sie im Laufe der Frühmoderne zunehmend zum Normalfall, so daß die Unterscheidung Normalität / Abweichung zu kollabieren drohte.  Modale Markierungen der Abweichungen als pathologisch, aber auch als individuell, kriminell, usf. fungieren schließlich als beobachterrelative Renormalisierungen dieser Abweichungen.
Soziale Pathologisierungen beziehen sich dabei sowohl auf Sozialsysteme ohne Kommunikationsadressen (die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme) als auch auf Sozialsysteme mit Kommunikationsadressen (Organisationen und Familien).
Gerade mit Blick auf Letztere bearbeiten diese Pathologisierungen dann nicht nur die Unwahrscheinlichkeit der kommunikativen Überzeugung, sondern sie dienen auch als kommunikative Vorbereitung, um in diese Sozialsysteme (im Sinne von Auslöser-, aber nicht von Durchgriffskausalität) intervenieren zu können (siehe Familientherapien, Organisationsberatungen, etc.).

(5) Problemzone Metaphorik als Modalmedium
Wenn man einmal vom anspruchsvollen systemtheoretischen Lingo absieht, dann scheint die Charakterisierung der Metaphorik zutiefst in der rhetorischen bzw. philosophischen Tradition verankert zu sein [siehe 4, 5]: Denn die im Text ausgeführte Unterscheidung sinnwidrig / sinngemäß kann auf die altbekannten Unterscheidungen nonliteral (figurativ, tropisch, etc.) / literal bzw. uneigentlich / eigentlich zurückbezogen werden. Hierbei gilt das Literale als impliziter Beobachtungsstandard.
Immer wenn es nun zum Stottern aufgrund semantischer Anomalien kommt, kann in den metaphorischen Beobachtungsmodus umgeschaltet werden, so daß oftmals (wenn auch nicht immer) eine Kompatibilisierung des semantisch Unverträglichen erfolgt.
Darüber hinaus verweist auch die These Uli Reiters, daß „Metaphorisierung […] vermutlich eine ursprünglich künstlerische, vielleicht auch magische Strategie“ (S. 71) sei, auf ein restringiertes Verständnis von Metaphern, die letztlich Bereichen der uneigentlichen Rede (Kunst, Magie – man könnte auch noch die Rhetorik erwähnen) entstammen sollen.
Demgegenüber würde die Metaphern in allen anderen (eigentlichen) Kommunikationsbereichen als ein Supplement fungieren. Dieses hat jedoch, wie wir seit Derrida wissen, mitunter die Tendenz, sich an die Stelle des zu Ersetzenden zu setzen.
Man muß sein Mißtrauen nun nicht unbedingt an einer allzu konventionellen bzw. traditionellen Sicht der Metaphorik nähren. Es ist auch möglich, hinsichtlich des unproblematischen Charakters der Literalität mißtrauisch zu werden (siehe dazu bspw. Tolkiens Spiel mit der Ambivalenz eines scheinbar harmlosen Ausdrucks wie Good Morning in [8] und, allgemeiner, die Ausführungen in [7]).
Letztlich liegt es nahe, auf eine Generalisierung der Analogiemechanismen abzuzielen. Hierzu kann bspw. vom Analogisieren als einem Merkmal jeglicher menschlichen Kognition ausgegangen werden [6,7]. Oder es könnte mit Blick auf Derrida die Katachrese als ein quasi-transzendentaler Mechanismus, der erst literale und nicht-literale Effekte zu zeitigen vermag, unterstellt werden [4,5,9].
Es läßt sich derzeit nicht absehen, welche Folgen sich daraus im Detail für die Konzeptualisierung des Modalmediums im Allgemeinen und für die Metaphorik im Besonderen ergeben können. Aber man darf wohl bereits jetzt konstatieren, daß eine entsprechend avancierte Argumentation erheblich komplexer werden wird.
Abschließend sei in diesem Kontext noch erwähnt, daß der Rekurs auf basales Analogisieren (inklusive entsprechender Inferenzweisen wie der Abduktion [10]) auch das differentielle Errechnen von Formen tiefer legen könnte. Denn sowohl die Bielefelder Systemtheorie als auch Dirk Baeckers sozialer Formenkalkül begnügen sich hierbei gerne mit Kompaktbegriffen wie (Leistungen der) Generalisierung bzw. Abstraktion. Doch bereits die Bestimmung einzelner Buchstaben wie A, A, A, etc. ist kein differentiell triviales, sondern ein erklärungsbedürftiges Phänomen [siehe 7, 11].
Zumal auch angenommen werden muß, daß höhere Wahrnehmungsprozesse bereits semantisch-analogisch imprägniert sind. Ansonsten wären bspw. Wolken-Assoziationen (das Sehen-Als-Ob von Schafen, Zuckerwatte, etc. am Himmel) kaum möglich. Und solche Als-Ob-Mechanismen verweisen wiederum auf das Funktionieren von Metaphern, die Unvertrautes vertraut, aber auch (wie in der modernen Poesie) Vertrautes unvertraut machen können.

 (6) Fazit
Uli Reiters Studie zur Pathologie als Modalmedium brilliert vor allem durch die zugrunde liegenden Fragen, die sie experimentell durchspielt. Während die Antworten, insbesondere mit Blick auf die metaphorischen Mechanismen, nicht in jedem Fall zu überzeugen wissen.
Gleichwohl ist der Text höchst lesenswert. Denn seine Fragen stimulieren, bislang als evident angesehene Sachverhalte (soziale Dysfunktionen, Defekte, etc., die als pathologisch charakterisiert werden) in ungewohnten Suchrichtungen neu zu interpretieren. Oder um es prägnant mit der Abwandlung eines berühmten Politzitats [12] zu sagen: It´s the questions, stupid!

(7) Nachtrag
Insofern es sich gezeigt hat, daß zum neuen Thema Modalmedien doch einiger Diskussionsbedarf besteht, haben Uli Reiter und ich vereinbart, daß wir in einigen (Gast-)Posts  darauf weiter eingehen werden. Mit diesen Blogbeiträgen kann im Laufe des Jahres 2017 gerechnet werden.

(8) Buchausgaben
Das Buch ist im März 2016 im Psychosozial-Verlag erschienen. Es ist als gebundene Ausgabe oder als E-Book (PDF-Version) erhältlich. Siehe Pathologiebuch – Psychosozial-Verlag
Zur Amazon-Website des Buchs: Pathologiebuch – Amazon-Website

(9) Literaturhinweise
[1] Reiter, U. (2009), Lärmende Geschenke – Die drohenden Versprechen der Korruption. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
URL der Buch-Homepage: http://www.laermende-geschenke.de/ [Zugriff: 8. Juli 2016].
[2] – (2016), Homepage von Uli Reiter.
URL: http://www.uli-reiter.de/ [Zugriff: 8. Juli 2016].
[3] – (2016), Google+-Profil von Uli Reiter.
URL: https://plus.google.com/+Uli-reiterDe [Zugriff: 8. Juli 2016].
[4] Theodorou, S. (o.J.), Metaphor and Phenomenology, in: Internet Encyclopedia of Philosophy (IEP).
URL: http://www.iep.utm.edu/met-phen/ [Zugriff: 11. Juli 2016].
[5] Derrida, J. (1974), White Mythology, in: New Literary History (1974), Bd. 6, Nr. 1,
S. 5-74.
URL: http://users.clas.ufl.edu/burt/derridawhitemyth.pdf [Zugriff: 12. Juli 2016].
[6] Hofstadter, D.R. (1988, 1981), Analogien und Rollen im Denken von Mensch und Maschine, in: ders. (1988), Metamagicum. Fragen nach der Essenz von Geist und Struktur, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 589-653.
[7] – / Sander, E. (2013), Surfaces and Essences. Analogy as the Fuel and Fire of Thinking, New York: Basic Books.
[8] Bilbo Meets Gandalf (aus dem 2012 veröffentlichten Film “The Hobbit: An Unexpected Journey”).
URL: https://www.youtube.com/watch?v=Q_cwRqXBR4Q [Zugriff: 12. Juli 2016].
[9] Posselt, G. (2005), Katachrese. Rhetorik des Performativen, München: Fink.
URL (Google Books): http://bit.ly/29Fj8Ri [Zugriff: 12. Juli 2016].
[10] Wikipedia (2016 a), Abduktion.
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Abduktion [Zugriff: 13. Juli 2016].
[11] Bormann, P. (2016), Features of Complexity – The Scalability Problem.
URL: http://bit.ly/1qdhSs3  [Zugriff: 13. Juli 2016].
[12] Wikipedia (2016 b), It’s the economy, stupid.
URL: https://en.wikipedia.org/wiki/It%27s_the_economy,_stupid [Zugriff: 13. Juli 2016].

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